Hans Vincenz,
1900 in Köln geboren, lebt seit mehr als vier
Jahrzehnten in Essen. Er gehört zu jenen Künstlern, die
Stille und Zurückhaltung der Geschäftigkeit des Kunstbetriebes
vorziehen, die sich wenig um Ausstellungen und ihre Wirkung auf
die Öffentlichkeit kümmern, um desto intensiver an ihrem
malerischen Werke tätig zu sein. So erlebt man bei der Betrachtung
seiner Bilder immer wieder die Überraschung vor Unbekanntem,
erfährt erneut die Spannweite seines Werkes zwischen Gegenstand
und Abstraktion, aus dem die Arbeiten des letzten Jahrzehntes,
wie sie in dieser Ausstellung zu sehen sind, ohne Zweifel eine
erhebliche Steigerung, wenn auch noch längst keinen Abschluss
bedeuten. Hans Vincenz ist Autodidakt — er weist selbst darauf
hin. Er teilt diesen Werdegang mit vielen anderen Malern seiner
Generation, und gleich ihnen begann auch sein Weg bei der Auseinandersetzung
mit der Natur, mit den Einflüssen der großen malerischen
Bewegungen in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts. Vincenz
hat diese entscheidenden Jahre wachen Sinnes verfolgt, manches
mag er dabei als Maler auch seiner Freundschaft zu Helmuth Macke
verdankt haben.
Landschaft und Wasser sind die ersten bestimmenden Eindrücke
gewesen, der Rhein mit seinen Strömungen und Niederungen.
Sie blieben ihm geheimer Besitz, geläutert und verwandelt
zwar, und dennoch bis in die späten Bilder hinein spürbar.
Mag auch für den, der seine frühen Bilder in ihrer Harmonie
voller, warmer Farben kennt, der Schritt zur Abstraktion ein wenig überraschend
gekommen sein — vorbereitet war er längst und damit
weniger Experiment, als folgerichtiger Weg der künstlerischen
Entwicklung. Wir sehen in diesen Bildern die Frucht der Erfahrung
vergangener Jahre, die Sicherheit und die ungebrochene Kraft des
Strebenden, der sich unermüdlich weiter formt.
Vor allem aber wird in den Werken des letzten Jahrzehntes eines
deutlich: der Weg zur Abstraktion ist bei Vincenz keine Frucht
des Intellektes, sondern allein der sinnlichen Empfindung des Malers.
Er berichtet selbst: „. . aus der sinnlichen Freude des Sehens
erwächst ihm die Freude am Malen, an der differenzierten Behandlung
der Farben und der Oberfläche.“ Von dieser Freude des
Auges und der Sinne künden seine Bilder, die frühen,
wie die jüngsten. Aus der Kraft der Farben, aus dem Erleben
ihrer Spannungen und Harmonien erwächst das Entscheidende:
das Bild. Vincenz lehnt es ab, über Sinn und Wesen der Kunst
zu sprechen, für ihn sind die Bilder nicht gemalte Philosophie: »die
dem Maler gemäße Sprache muss sich der Mittel seines
Metiers bedienen.« So wird es niemanden verwundern, dass
Themen aus der gegenständlichen Welt noch lange die abstrakten
Bilder begleiten und dass auch später neben den Zyklen abstrakter
Werke die Landschaft im Bilde bestehen bleibt, nicht als ein Gegensatz
oder ein Spiel mit Möglichkeiten, sondern als Ergänzung,
als Frucht sinnlichen Empfindens.
Auch die Themen der jüngeren Werke drücken dies aus: „Glut — Blaue
Sicht — Pflanzenformen, Lichte Felder — Weißes
Netz — Gelbe Flucht “Die Entwicklung ist unschwer zu
verfolgen. Man bemerkt, wie in den Bildern des Jahres 1953 etwa
die Farben wie durch Licht geläutert werden und sich zu neuen,
nun nicht mehr am Dinglichen haftenden Einheiten zusammenfinden.
Bezeichnenderweise gibt es in seinem Werk die Hinterglasmalerei,
sie dürfte für das Gesamtwerk von Hans Vincenz von besonderer
Bedeutung sein.
Es fehlt in anderen Bildern nicht an härteren Verspannungen,
dunkle Töne treten auf, tragen Elemente der Bewegung in die
Fläche des Bildes, auf der sich immer wieder bei allem Glanz
im Malerischen eine strenge Ordnung des Gefüges kundtut. Allen
Farben voran steht das Blau, das in vielen frühen wie späten
Arbeiten beherrschend auftritt, ein großer Klang, rein und
leuchtend. Zeitweise sieht man Hans Vincenz auch von der Empfindung
für die Fläche bezwungen, für die Verspieltheit
der Linien auf ihr, für die Kraft tektonischer Gerüste,
die sich bis zum Massiven verdichten können. Doch spiegelt
sich nirgends Härte wider, immer wieder begreift man die Freude
des Malers an der sinnlichen Erscheinung, an der Harmonie des Gesamten,
wie auch an der Vollendung im Handwerklichen, das, obwohl sicherer
Besitz seit Jahrzehnten, doch stets neu erprobt und in Frage gestellt
wird. Im Medium der Farbe erschließen sich weiteste Bereiche,
manchmal scheinen hinter den Verspannungen der Formen und lichten
Flächen Reminiszenzen an Dingliches zu erwachen, nicht mehr
im Sinne eines Abbildes, sondern einer neuen, rein malerischen
Gegenständigkeit. Man ist versucht, sich in Weiten zu verlieren,
geträumte Landschaft zu erleben im empfindsamen Verschweben
zarter Farbklänge.
Leicht wäre es, Zyklen zusammenzustellen: Variationen eines
Themas, Möglichkeiten, die erkannt, entwickelt und reich ausgebreitet
werden —fast möchte man diese Art zu arbeiten typisch
für Hans Vincenz nennen. Erstaunlich bleibt die auch im engsten
Themenkreise sich offenbarende Variationsfähigkeit, die gerade
der besonders deutlich bemerken wird, der gewohnt ist, Nuancen,
Abstufungen, Tonwerte als wesentlich zu registrieren.
Die Bilder von Hans Vincenz sind das Ergebnis eines von der Malerei
bestimmten Lebens. Sie sind auch heute — und das wird in
der Ausstellung deutlich sichtbar — noch kein Ausklang. Sein
Werk bleibt geöffnet — in der Stille gereift, birgt
es alle Elemente neuer, schöpfungsfreudiger Wege in sich.
Was kann man eigentlich mehr wünschen?
Professor Paul Vogt, Direktor des Museum Folkwang, Essen
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