Hans Vincenz, Abstrakter Expressionismus

In Maß und Klang erregend
Feinsinnige Bilderwelt des Malers Hans Vincenz in der Stadtbücherei-Galerie
WAZ März 1964 – Arthur van Dyck


Hans Vincenz 1962, Gouache
Obwohl seit 1910 in Essen, also mitten im Ruhrgebiet beheimatet, ist der Maler Hans Vincenz kaum je mit in den vielgesichtigen Ausstellungen der heimischen Künstlerschaft aufgetreten. Er ging seinen Weg für sich, in der glücklichen Lage, auf die Kunst nicht als Broterwerb angewiesen zu sein, sondern ihr aus innerer Notwendigkeit und mit. dankbarer Gelassenheit dienen zu dürfen.

Ein Zustand, der einer ungemein fruchtbaren Entwicklung förderlich war und zu einem ausgereiften, in seinen Wandlungen hochinteressanten Werk geführt hat. Von Jahr zu Jahr haben sich die malerischen Scheuern von Vincenz immer reicher gefüllt. Die Bilderwelt, die sich da ausbreitet, wuchs aus gegenständlichen Anfängen, in denen die Erlebnisse der jungen Jahre am Rhein — Vincenz wurde 1900 in Köln geboren. — sich „träumerisch“ und poetisch niederschlugen, konsequent in formal abstrakte Regionen hinein. Davon gab 1960 eine Gesamtausstellung im Folkwangmuseum Essen Kenntnis. Ihr schlossen sich 1962 amerikanische Erfolge an.

Erinnert man sich an, die Melancholie dunkler toniger Farben in den frühen Arbeiten, von denen einige jetzt auch in der Ausstellung in der Galerie der Stadtbücherei zu sehen sind, fragt man sich erstaunt, woher die heutige frohe Helligkeit und Transparenz. der Palette komme. Kein Zweifel, da ist südliche Sonne mit im Spiel, und in der Tat war es die Begegnung mit dem Tessin, aus der sich neue koloristische Impulse ergaben.

In Hinterglasbildern, die Vincenz immer wieder neu reizen, ergeben sich besonders faszinierende Wirkungen durch unterlegte hellgetönte Hintergründe. Vincenz vermeidet mit Recht, seine Öle, Gouachen und Collagen mit thematisch fixierenden Unterschriften zu versehen. Daraufhin angesprochen, zitiert er ein Wort Hugo von Hofmannsthals; das wie für die Dichtung ebenso auch für die Malerei und die Musik gelte: „Den Wert der Dichtung entscheidet nicht der Sinn (sonst wäre sie Weisheit‘ und Gelehrtheit), sondern jenes tief Erregende in Maß und Klang, wodurch zu allen Zeiten die‘ Ursprünglichen, die Meister, sich von den Nachfahren, den Künstlern zweiter Ordnung, unterschieden haben. Die Zusammenstellung, das Verhältnis der einzelnen Teile zueinander, die notwendige Folge des einen aus dem anderen, kennzeichnet erst die hohe Dichtung.‘
Und Vincenz fährt fort: „Es genügt bei allem möglichen Talent und Intelligenz nicht nur die Fertigkeit, das Kunststück, es muss zu einer menschlichen und künstlerischen Haltung noch der unverwechselbare eigene Klang hinzukommen, der bei allen Wandlungen des Weges unverlierbar dem Maler eigen ist und ihm selbst unbegreiflich bleibt.“ Das ist eine Confessio stolzer Bescheidenheit, die ein Mann wie Vincenz sich sehr wohl leisten kann.
Die malerische und geistige Kultur seines Werks zeugt nachdrücklich davon und bestätigt ihre Wahrheit. Im übrigen erschließen sich die delikaten Bilder erstaunlich leicht, denn im Grunde webt und lebt in ihnen die Kraft der Natur übersetzt und verwandelt in kompositorische Formeinheiten von erstaunlicher Variationsbreite des Einfalls und der absolut malerischen Gestalt.
A. v. D.