Hans Vincenz, Abstrakter Expressionismus

Bildphantasien eines Malers
Hans Vincenz stellt im Kölnischen Kunstverein aus
Kölnische Rundschau Juli 1962


Hans Vincenz 1961, Gouache
Im Schatten des ehrwürdigen Münsters der ehemaligen reichsunmittelbaren Benediktinerabtei Werden an der Ruhr lebt, abseits vom geschäftigen Kunstbetrieb, der Maler Hans Vincenz, auf den erst in den beiden letzten Jahren Ausstellungen in Essen und Dortmund die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit gelenkt haben. Vincenz ist 1900 in Köln geboren, wohnt aber schon mehr als vier Jahrzehnte in Essen und hat bisher noch niemals in seiner Vaterstadt ausgestellt, obwohl der Charakter seiner Malerei wesentlich von rheinischer Atmosphäre bestimmt ist.

Vincenz selbst hat, wie Dr. Toni Feldenkirchen in seiner Eröffnungsansprache mitteilte, darüber einmal folgendes Bekenntnis abgelegt: „Die stärksten frühen Erlebnisse kommen vom Fluss - Schiffe, Schiffe im Hafen, Gerüche von brackigem Wasser, von Teer und Hanf, und bei starkem Rheingang im Frühjahr von Kalmus, angetrieben und verfangen in dem hohen Weiden, die die Ufer säumen.
Die Weite der Rheinauen, Sand, Kribben, Schafhürden und weidende Schafe, und am rechten Ufer über die Schiffsbrücke Kirmes und Prozessionen, und das alles in dem diffusen Licht der Rheinebene.“

Der Maler Vincenz ist Autodidakt und ist ganz in der Stille gereift. Das bedeutet aber keineswegs, dass er nicht Kontakt mit den lebendigen Strebungen und Entwicklungen der zeitgenössischen Malerei gehabt hätte. Im Gegenteil: Er war in seiner Jugend befreundet mit Helmuth Macke, dem Vetter von August Macke. Auf die Einflüsse aus dieser Richtung ist wohl die Hinterglasmalerei und die Vorliebe für gewisse Farbklänge zurückzuführen. Genauso konsequent wie bei den Künstlern des „Blauen Reiters“ vollzog sich bei Vincenz die Entwicklung zur Abstraktion.

Die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein umfasst insgesamt 77 Werke aus den letzten fünfzehn Jahren: Ölgemälde, Ölbilder auf Papier, Gouachen und Hinterglasbilder. Obwohl sie mit Wenigen Ausnahmen nur mit Monats- und Jahreszahlen bezeichnet sind und keine sonstige Benennung tragen, bleiben Reste der Bildgegenstände in den Kompositionen erhalten: die Stämme eines Waldes, die weiße Wand oder der schwarze Umriss eines Hauses, Blätter und dergleichen mehr, Aber diese Reminiszenzen aus der dinglichen Erlebniswelt sind organisch eingeschmolzen in die Neuschöpfungen des Malers, in seine Bildphantasien. Er bedient sich zu ihrer Verwirklichung aller üblichen und vieler ungewöhnlichen Mittel: Papier- und Stofffetzen, Kacheln und Muscheln sind auf die Bildfläche montiert und vom sensiblen Gespinst der Farben überzogen, die Farben sind mit einer Holzmaserung strukturiert oder mit einem Kammzug ausgezogen. Es ist eine vielgestaltige Eigenwelt, die Vincenz in seinen Bildern, erschafft.
Heinz Stephan