Ich bin in Köln geboren; die stärksten frühen
Erlebnisse kommen vom Fluss, — Schiffe, Schiffe Im Hafen, — Gerüche,
von brackigem Wasser, von Teer und Hanf, und bei starkem Rheingang
im Frühjahr von Kalmus, angetrieben und verfangen in die
hohen Weiden, die die Ufer säumen. — Die Weite der
Rheinauen, Sand, Kribben, Schafhürden, und weidende Schafe,
und am rechten Ufer über die Schiffbrücke Kirmes und
Prozessionen und das alles in dem diffusen Licht der Rheinebene.
Die Welt der jungen Jahre ist immer lebendig und wirksam geblieben,
und der Erwachsene entdeckte den wundersamen Einklang am nahen
Niederrhein wieder — das Licht, die differenzierten Grüntöne
und die volleren Töne der Erden.
Anfang der zwanziger Jahre, schon geraume Zeit in Essen lebend,
vollzogen sich erste Auseinandersetzungen mit der Malerei. In
den ersten Jahren entstanden Bilder in dunklen, tonigen Farben,
ruhende, träumende Gestalten, immer wieder Schiffe und Flusslandschaften
und am Rande der großen Industriestadt Bilder mit dem melancholischen
Klang der Vorstadt.
Nach der ersten Begegnung mit dem Tessin hellte sich die Palette
auf — es gab neue Möglichkeiten. Ende der zwanziger
Jahre läuft diese erste Phase einer dunklen, wenn auch schon
malerischen Manier aus, und es folgt eine Zeit fast ausschließlicher
Arbeit an der Holzplastik. Viele Arbeiten aus dieser Zeit gingen
im zweiten Weltkrieg unter.
Etwa gegen 1931-32 wieder Zuwendung zur Malerei und ganz neuer
Beginn, die Farbe ist entdeckt, und es entstehen bis zu Anfang
des Krieges Gebilde rein farbigen, flächigen und oft wandbildhaften
Charakters…
Nach der Rückkehr aus dem Kriege Ende 1945 Wiederaufnahme
der Bemühungen um die Malerei, deren Ergebnisse in periodischen
Zyklen ein anderes Gesicht zeigen.
Erste gegenstandslose Bilder ab 1946, noch nicht ausschließlich,
aber das nun nicht mehr nachlassende Experimentieren führt
schrittweise in stetiger Entwicklung zu den Arbeiten aus jüngster
Zeit. Nach dieser fast ausschließlichen Aufweisung von
Einflüssen und Stufen des Entwicklungsganges wird von dem
Maler erwartet, — von ihm dürfte man es ja wohl nach
einigen Jahrzehnten Erfahrung — dass er etwas eingehender über
das Kunstwerk, seinen Sinn und seine Aufgabe aussagen wird. Was
sich aber sagen lässt, ist die Art des Machens, die Kniffe,
der Anteil des Intellekts —ein Bericht aus der Werkstatt.
Über das, was Sinn und Wesen der Kunst ausmacht, vermag
er nichts zu sagen, die ihm gemäße Sprache muss sich
der Mittel seines Metiers bedienen.
Bei Hugo von Hofmannsthal heißt es einmal von der Dichtung: „Den
Wert der Dichtung entscheidet nicht der Sinn (sonst wäre
sie etwa Weisheit, Gelehrtheit), sondern jenes tief Erregende
in Maß und Klang, wodurch zu allen Zeiten die Ursprünglichen,
die Meister, sich von den Nachfahren, den Künstlern zweiter
Ordnung, unterschieden haben. Die Zusammenstellung, das Verhältnis
der einzelnen Teile zueinander, die notwendige Folge des einen
aus dem andern, kennzeichnet erst die hohe Dichtung.“
An Stelle der Dichtung könnte hier auch Musik oder Malerei
stehen. Es genügt bei allem möglichen Talent und Intelligenz
nicht nur die Fertigkeit, das Kunststück, es muss zu einer
menschlichen und künstlerischen Haltung noch der unverwechselbare
eigene Klang hinzukommen, der bei allen Wandlungen des Weges
unverlierbar dem Maler eigen ist und ihm selbst unbegreiflich
bleibt.
Der alte Matisse sah sich einst vor einer seiner Arbeiten,
die ihm lange vergessen war, und er fragte voller Demut: „Wer
hat mir da die Hand geführt?“
Neue Jahre bringen neue Möglichkeiten und nicht in der
Wiederholung, nur in den immer neu versuchten Varianten ist es
möglich, dem Bilde näher zu kommen. Für diese
Varianten, Möglichkeiten und Absichten bleibt die Welt das
Feld des Künstlers, und durch seine Augen dringt sie in
ihn ein. Aus der sinnlichen Freude des Sehens erwächst ihm
die Freude am Malen an der differenzierten Behandlung der Farbe
und der Oberfläche. Die Frische und das „Denn du bist älter,
du bist neuer“ zu bewahren, ist die ungeheure Verpflichtung
eines langen Lebens.
Der Weg geht weiter, was am Ende bleibt und Kunst ist, entscheidet
der strenge Richter „Zeit“.
Hans
Vincenz
*Als Autodidakt bezeichnet
man jemanden, der sich im Selbststudium eine Bildung auf hohem
Niveau angeeignet
hat. Der Autodidakt strebt in der Regel eine Anwendung seines
Wissens an, was die gesellschaftliche Anerkennung einschließt.
Es gibt Autodidakten, die sich ihr komplettes Wissen selbst erlernten,
wie z.B. Abraham Lincoln – es gibt andere Autodidakten,
die studierten, sich jedoch auf einem anderen Gebiet selbst ausbildeten,
wie z.B. die Sprach- und Märchenforscher Jacob und Wilhelm
Grimm, die Juristen waren.