Hans Vincenz, Maler

Hans Vincenz, Abstrakter Expressionismus
Hans Vincenz — Autodidakt* — Jahrgang 1900

Ich bin in Köln geboren; die stärksten frühen Erlebnisse kommen vom Fluss, — Schiffe, Schiffe Im Hafen, — Gerüche, von brackigem Wasser, von Teer und Hanf, und bei starkem Rheingang im Frühjahr von Kalmus, angetrieben und verfangen in die hohen Weiden, die die Ufer säumen. — Die Weite der Rheinauen, Sand, Kribben, Schafhürden, und weidende Schafe, und am rechten Ufer über die Schiffbrücke Kirmes und Prozessionen und das alles in dem diffusen Licht der Rheinebene.

Die Welt der jungen Jahre ist immer lebendig und wirksam geblieben, und der Erwachsene entdeckte den wundersamen Einklang am nahen Niederrhein wieder — das Licht, die differenzierten Grüntöne und die volleren Töne der Erden.

Anfang der zwanziger Jahre, schon geraume Zeit in Essen lebend, vollzogen sich erste Auseinandersetzungen mit der Malerei. In den ersten Jahren entstanden Bilder in dunklen, tonigen Farben, ruhende, träumende Gestalten, immer wieder Schiffe und Flusslandschaften und am Rande der großen Industriestadt Bilder mit dem melancholischen Klang der Vorstadt.

Nach der ersten Begegnung mit dem Tessin hellte sich die Palette auf — es gab neue Möglichkeiten. Ende der zwanziger Jahre läuft diese erste Phase einer dunklen, wenn auch schon malerischen Manier aus, und es folgt eine Zeit fast ausschließlicher Arbeit an der Holzplastik. Viele Arbeiten aus dieser Zeit gingen im zweiten Weltkrieg unter.

Etwa gegen 1931-32 wieder Zuwendung zur Malerei und ganz neuer Beginn, die Farbe ist entdeckt, und es entstehen bis zu Anfang des Krieges Gebilde rein farbigen, flächigen und oft wandbildhaften Charakters…

Nach der Rückkehr aus dem Kriege Ende 1945 Wiederaufnahme der Bemühungen um die Malerei, deren Ergebnisse in periodischen Zyklen ein anderes Gesicht zeigen.

Erste gegenstandslose Bilder ab 1946, noch nicht ausschließlich, aber das nun nicht mehr nachlassende Experimentieren führt schrittweise in stetiger Entwicklung zu den Arbeiten aus jüngster Zeit. Nach dieser fast ausschließlichen Aufweisung von Einflüssen und Stufen des Entwicklungsganges wird von dem Maler erwartet, — von ihm dürfte man es ja wohl nach einigen Jahrzehnten Erfahrung — dass er etwas eingehender über das Kunstwerk, seinen Sinn und seine Aufgabe aussagen wird. Was sich aber sagen lässt, ist die Art des Machens, die Kniffe, der Anteil des Intellekts —ein Bericht aus der Werkstatt.

Über das, was Sinn und Wesen der Kunst ausmacht, vermag er nichts zu sagen, die ihm gemäße Sprache muss sich der Mittel seines Metiers bedienen.

Bei Hugo von Hofmannsthal heißt es einmal von der Dichtung: „Den Wert der Dichtung entscheidet nicht der Sinn (sonst wäre sie etwa Weisheit, Gelehrtheit), sondern jenes tief Erregende in Maß und Klang, wodurch zu allen Zeiten die Ursprünglichen, die Meister, sich von den Nachfahren, den Künstlern zweiter Ordnung, unterschieden haben. Die Zusammenstellung, das Verhältnis der einzelnen Teile zueinander, die notwendige Folge des einen aus dem andern, kennzeichnet erst die hohe Dichtung.“

An Stelle der Dichtung könnte hier auch Musik oder Malerei stehen. Es genügt bei allem möglichen Talent und Intelligenz nicht nur die Fertigkeit, das Kunststück, es muss zu einer menschlichen und künstlerischen Haltung noch der unverwechselbare eigene Klang hinzukommen, der bei allen Wandlungen des Weges unverlierbar dem Maler eigen ist und ihm selbst unbegreiflich bleibt.

Der alte Matisse sah sich einst vor einer seiner Arbeiten, die ihm lange vergessen war, und er fragte voller Demut: „Wer hat mir da die Hand geführt?“

Neue Jahre bringen neue Möglichkeiten und nicht in der Wiederholung, nur in den immer neu versuchten Varianten ist es möglich, dem Bilde näher zu kommen. Für diese Varianten, Möglichkeiten und Absichten bleibt die Welt das Feld des Künstlers, und durch seine Augen dringt sie in ihn ein. Aus der sinnlichen Freude des Sehens erwächst ihm die Freude am Malen an der differenzierten Behandlung der Farbe und der Oberfläche. Die Frische und das „Denn du bist älter, du bist neuer“ zu bewahren, ist die ungeheure Verpflichtung eines langen Lebens.

Der Weg geht weiter, was am Ende bleibt und Kunst ist, entscheidet der strenge Richter „Zeit“.

Hans Vincenz



*Als Autodidakt bezeichnet man jemanden, der sich im Selbststudium eine Bildung auf hohem Niveau angeeignet hat. Der Autodidakt strebt in der Regel eine Anwendung seines Wissens an, was die gesellschaftliche Anerkennung einschließt.
Es gibt Autodidakten, die sich ihr komplettes Wissen selbst erlernten, wie z.B. Abraham Lincoln – es gibt andere Autodidakten, die studierten, sich jedoch auf einem anderen Gebiet selbst ausbildeten, wie z.B. die Sprach- und Märchenforscher Jacob und Wilhelm Grimm, die Juristen waren.

Bekannte Autodidakten (Auszug)
• Max Ernst, deutscher Maler
• Rainer Werner Fassbinder, deutscher Autor und Filmregisseur
• Vincent van Gogh, niederländischer Maler
• Maxim Gorki, russischer Schriftsteller
• Brüder Grimm, deutsche Sprachforscher und Märchensammler
• Gottfried Wilhelm Leibniz, deutscher Universalgelehrter und Philosoph
• Abraham Lincoln, 16. Präsident der USA
• Henry Miller, US-amerikanischer Autor und Maler
• Nicolaus August Otto, deutscher Erfinder der den ersten Viertaktmotor bauteHans Vincenz — Autodidakt* — Jahrgang 1900
• Joachim Ringelnatz, deutscher Autor und Maler
• Georg Philipp Telemann, deutscher Komponist
• François Truffaut, französischer Filmregisseur
• Walt Whitman, US-amerikanischer Autor
Quelle: Wikipedia